Ausstellungen

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»Was für ein Kerl!«

Heinrich von Kleist im ›Dritten Reich‹
kuratiert von Caroline Gille
wissenschaftliche Beratung: Martin Maurach
geöffnet Dienstag bis Sonntag
sowie an Feiertagen, 11–19 Uhr

Sonntag 17.08.2008 - Sonntag 23.11.2008, Ausstellungshalle, Kavaliershaus Ost

Eintritt: € 5.- / ermäßigt € 3.-

in Zusammenarbeit mit
der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte e. V.
Kleist-Museum Frankfurt (Oder)

Mit freundlicher Unterstützung durch
die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

präsentiert von  

 

»Das Haus rast Beifall. Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!«, notiert sich Joseph Goebbels, Propagandaminister des Tausendjährigen ›Dritten Reiches‹ am 19. März 1941 in sein Tagebuch. Am Abend zuvor hatte er in Posen eine Aufführung des Prinz von Homburg gesehen, die im Rahmen der Ostdeutschen Kulturtage 1941 über die Bühne gegangen war.

Heinrich von Kleist, ein »Kerl«? Er, der altem preußischem Militäradel entfloh, er, den vage, immer wieder neue Lebensentwürfe und hochfliegende Ideen umtrieben, er, der sich als Dichter verstand und dem das Dichten doch nie genügt zu haben scheint, er, der sich, wenig über dreißig, am Kleinen Wannsee eine Kugel in den Kopf schoß? Heute steht ein schlichter Sandsteinquader an der Stelle seines Todes, ein Vers aus dem Prinz von Homburg ziert ihn: »Nun / o Unsterblichkeit / bist Du ganz mein«.

Doch nicht nur der Bezug auf den eigenwilligen Sieger der Schlacht von Fehrbellin verbindet den Stein mit dem zitierten Tagebucheintrag von Joseph Goebbels. Auch das Jahr 1941, das 130. von Kleists Tod, ist für den Stein von Bedeutung; es markiert das Datum seiner bis heute vorzufindenden Sandstein-Fassung.

Auf dem entfernten Grabstein waren die Verse Max Rings eingemeißelt. Sie lauteten: »Er lebte, sang und litt / in trüber schwerer Zeit, / er suchte hier den Tod, / und fand Unsterblichkeit – Matth. 6 V. 12«. Die Gründe, weshalb die neuen Machthaber den ursprünglichen Stein entfernen ließen, sind nur zu vermuten.

Neben Friedrich Hölderlin scheint Heinrich von Kleist einer der anfälligsten »Klassiker in finsteren Zeiten« gewesen zu sein, im ganzen ›Reich‹ wurden seine Stücke inszeniert und aufgeführt, immer wieder mußte sein Patriotismus herhalten als vermeintliche Quelle eines vernichtungswütenden Nationalismus. Auch der Film bediente sich seiner: Emil Jannings verfilmte den Zerbrochnen Krug und Leni Riefenstahl plante eine großangelegte filmische Umsetzung der Penthesilea.

Aber auch Exil und Widerstand nahmen Kleist als Kronzeugen für sich in Anspruch. So veranstaltete Adam von Trott zu Solz 1935 eine Ausgabe der politischen und journalistischen Schriften Heinrich von Kleists und gab im Vorwort mehr als deutlich zu erkennen, was der Hintergedanke beim Herausgeben dieser Edition war – Hitler ist Kleists Napoleon der Gegenwart. Und in der Zeitschrift Das Wort, Sprachrohr des Moskauer Exils, finden sich viele Artikel, die sich mehr oder minder intensiv mit Kleist und seinem Werk befassen, die seine ästhetischen, politischen, philosophischen Ideen als Garantie eines »anderen« Deutschland festhalten möchten.

Die Ausstellung zeigt an zwei Orten – dem Kleist-Museum Frankfurt (Oder) und der Ausstellungshalle von Schloss Neuhardenberg – in Briefen, Zeitungen, Büchern und Zeitschriften, Film- und Theaterplakaten, in Photographien, Filmausschnitten und Lebenszeugnissen, auf welche Weise, in welchem Ausmaß und aus welchen Gründen eine solche Vereinnahmung möglich war und wie sie umgesetzt wurde.

Zur Ausstellung erscheinen ein umfangreicher Themenband von Martin Maurach im Verlag Theater der Zeit sowie ein bebildertes Exponatverzeichnis.

 


Mitglieder der TheaterGemeinde Berlin erhalten für die Ausstellung in Schloss Neuhardenberg ermäßigte Eintrittskarten.

 

Pressestimmen

»Man erfährt in der Neuhardenberger Ausstellung ungemein viel. Trotz der Informationsdichte bleibt Raum für die auratische Wirkung wertvoller Originale. [...] Der Weg ins Oderbruch, in Kleists Kindheitslandschaft, lohnt auch für Literaturinteressierte.« Die Welt

»Im Schloss Neuhardenberg – das als einstiger Wohnsitz von Kleists publizistischem Zensor, dem preußischen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg, ein besonders pikanter Schauplatz ist – blättert Kuratorin Caroline Gille das Kleistsche Werkverzeichnis systematisch durch.« Mitteldeutsche Zeitung

»Nach einem biografischen Kapitel mit wertvollen Exponaten [...] tritt der Besucher gewissermaßen in das Kleistsche Werk. Sechs umfangreiche Kapitel erzählen hier am Beispiel der Theaterstücke von der Rezeption im ›Dritten Reich‹. Dass es dabei nicht immer national-polternd und hassgeschwängert, sondern auch heiter-ironisch zugehen konnte, beweisen Filmausschnitte aus ›Der zerbrochene Krug‹ mit Emil Jannings und Reinhold Schünzels ›Amphitryon‹ mit Willy Fritsch, Käthe Gold und Adele Sandrock. Hier lassen sich die pompösen Bühnenbauten und der Jubel der Massen gar als Kritik verstehen.« Märkische Allgemeine

»So öffnet das Hardenbergsche Anwesen großzügig die Bühne für ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema [...]. Kleist, vernarrt in die Idee, dass ihm ›auf Erden nicht zu helfen war‹, hilft diese Ausstellung ungemein zur Verteidigung gegen abwegige Vereinnahmungen im ›Dritten Reich‹.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Beim Betreten erschrickt der Besucher vor zwei übergroßen Porträts, rechts der milchgesichtige Kleist, links der hagere Joseph Goebbels, wobei der Propagandaminister den Dichter scharf taxiert. Aber beim Verlassen der Ausstellung, wenn man noch einmal an den ungleichen Dioskuren vorbei muss, erscheint einem das Paar ganz plausibel. Dann hat man auf vergilbtem Papier und in zittrigen Schwarz-Weiß-Filmsequenzen eine propagandistische Orgie nacherlebt. [...] Die entstandene Doppelausstellung in der märkischen Heimat des Dichters enthüllt anhand einer kurzen Phase der Kleist-Rezeption die Denkart einer Epoche.« Die Zeit