Neuhardenberg 1348 bis 2002

Gleich weit vom Niederrhein und von Tilsit entfernt, markiert die geographische Lage Neuhardenbergs etwa die Mitte des früheren preußischen Königreiches. Der ursprüngliche Name des Dorfes, Quilitz, findet sich 1348 erstmals urkundlich erwähnt und geht auf das altpolabische ›kvilici‹ zurück. Dies läßt vermuten, daß es sich bei der Gründung um eine der zahlreichen slawischen Siedlungen im brandenburgischen Raum handelt. Als Zollstelle an einem regional bedeutenden Wegedreieck spielte der Ort schon im 14. Jahrhundert eine etwas übergeordnete Rolle am westlichen Rand des Oderbruchs. Die Landstraße vom damaligen Bischofssitz Lebus nach Freienwalde bildete schon damals die Achse des Straßenangerdorfes Alt-Quilitz, dessen Anger mit 1,8 km zu den längsten Dorfangern im Osten Deutschlands gehört.

Als Herren von Quilitz wechseln sich bis ins späte 17. Jahrhundert verschiedene Adelsgeschlechter, wie die von Beerfelde, von Schapelow und von Pfuel, ab, bis im Jahre 1681 die zweite Gattin des Großen Kurfürsten, Kurfürstin Dorothea von Brandenburg, das Rittergut Alt-Quilitz erwirbt. Sie überträgt den Besitz wenige Jahre später ihrem Sohn Albrecht Friedrich, dem Stiefbruder des ersten preußischen Königs Friedrich I. und späteren Markgrafen von Brandenburg-Sonnenburg. Dieser ließ bereits einen geometrischen Schlossgarten mit zentraler Wassergrabenanlage einrichten. Der von Albrecht Friedrich beabsichtigte Neubau einer Sommer- oder Jagdresidenz an der Stelle des heutigen Schlosses kam allerdings nicht über ein überwölbtes Kellergeschoß hinaus. Erst sein Sohn, Markgraf Carl Albrecht, ließ in den Jahren 1746-51 auf dem väterlichen Kellergeschoß ein solides Amtshaus errichten, einen eingeschossigen Fachwerkbau. Außerdem finanzierte Carl Albrecht den Bau einer massiven Dorfkirche, die beim Dorfbrand 1801 ausbrannte, deren Mauern aber dennoch bis heute einen Teil des später von Schinkel umgebauten Kirchenschiffs bilden.

Nach dem Tod des Markgrafen Carl Albrecht 1762 zog der preußische König das Lehen ein, um es wenige Jahre später seinem verdienten Militär, Oberstleutnant Joachim Bernhard von Prittwitz als Dank und Anerkennung für dessen Meriten zu schenken. Im Siebenjährigen Krieg hatte von Prittwitz König Friedrich II. von Preußen, den »Großen«, auf dem Schlachtfeld von Kunersdorf bewogen, sich aus der Gefahrenzone vor der eigenen Frontlinie zurückzuziehen, und ihm auf diese Weise das Leben gerettet.

Prittwitz plante an der Stelle des heutigen Schlosses einen schlichten, zweigeschossigen Neubau mit barocker Fassade und drei Flügeln. Einer Anekdote zufolge, die Theodor Fontane in den »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« überliefert, soll der König bei einer Inspektionsreise nach Quilitz die Baustelle besucht und dabei den Bau einer zweiten Etage mit den Worten kommentiert haben: »Er will ja hoch hinaus; er baut sich ja ein Schloss!« Um nicht in den Ruf der Überheblichkeit zu geraten, so die Überlieferung, verzichtete von Prittwitz daraufhin auf die zweite Etage und beließ es bei einem eingeschossigen Gebäude mit Mansardendach. Von Prittwitz ließ ferner einen ersten Landschaftsgarten im englischen Stil in Quilitz anlegen und 1792 in diesem Park das erste Denkmal für Friedrich den Großen überhaupt aufstellen, wo es heute wieder steht.

Der Sohn des Königsretters, Friedrich Wilhelm Bernhard von Prittwitz, baut ab 1800 die Schlossnebengebäude aus und zieht hierfür erstmals den zu dieser Zeit noch weithin unbekannten Architekten Karl Friedrich Schinkel heran. Mit dem Verkauf des gesamten Besitzes an die Preußische Krone endet 1811 die Prittwitzsche Zeit in Quilitz.

Eine neue Epoche beginnt 1814, als Karl August Fürst von Hardenberg Hausherr wird. Geboren 1750 in Essenrode bei Wolfsburg, Reformer und preußischer Staatskanzler, erhält Hardenberg das Gut Quilitz nebst weiteren Gütern als Schenkung von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen als Anerkennung für seine Verdienste als preußischer Staatskanzler, die er sich im Zusammenhang mit den Stein-Hardenbergschen Reformen erworben hatte. Ihm zu Ehren wird Quilitz ein Jahr später in Neu-Hardenberg umbenannt, in Anlehnung an den Erstsitz der Familie, Nörten-Hardenberg bei Göttingen.

In die Zeit des Staatskanzlers fallen sowohl der Umbau des Prittwitzschen Schlosses in das zweigeschossige, klassizistische Palais, das sich bis heute erhalten hat, als auch die Neugestaltung der nahe gelegenen Kirche, die 1817 eingeweiht wird. Die Pläne für beide Bauten stammen von Karl Friedrich Schinkel. 1821 wird auch der Park umgestaltet und erweitert. Auf die hierfür vom Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné ausgearbeiteten Pläne nimmt auch Hermann Fürst von Pückler-Muskau Einfluß, ein Schwiegersohn des Fürsten von Hardenberg.
Wenig später stirbt Karl August Fürst von Hardenberg 1822 in Genua. Sein Leichnam wird nach Neu-Hardenberg überführt und im dortigen Mausoleum beigesetzt. Auf seinen Wunsch wird sein Herz im Altar der Kirche aufbewahrt.

Das Schloss und die dazugehörigen Liegenschaften bleiben in Familienbesitz. 1921 übernimmt Carl-Hans Graf von Hardenberg das Gut Neu-Hardenberg. Er beteiligt sich später an den Vorbereitungen zum Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 unter anderem dadurch, daß er Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Henning von Tresckow und anderen Beteiligten die Möglichkeit gibt, in Schloss Neu-Hardenberg die Vorbereitungspläne für das Attentat auf Hitler relativ unbehelligt voranzutreiben. Für den Erfolgsfall war er als Oberpräsident von Berlin und Brandenburg vorgesehen, eine Schlüsselposition unter den gegebenen Umständen einer Staatskrise. Drei Tage nach dem gescheiterten Attentat jedoch wurde Carl-Hans Graf von Hardenberg unter dramatischen Umständen im Schloss verhaftet, bevor er sich selbst das Leben zu nehmen versuchte, und in das KZ Sachsenhausen verbracht, wo er trotz äußerster Lebensgefahr schwer verletzt überlebte.

Die Enteignung durch das NS-Regime bleibt über 1945 hinaus bestehen; gewissermaßen wird die Familie auf diese Weise doppelt enteignet und muß den Ort verlassen. Auf Anordnung des kommunistischen Bürgermeisters Karl Linse wird der Familie gar die Beisetzung des 1958 verstorbenen Grafen und seiner Frau auf dem Familienfriedhof verweigert.

Obwohl die Hauptkampflinie bei der Schlacht um Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges auch Neu-Hardenberg berührte – die entscheidende Schlacht vor Berlin fand bei den Seelower Höhen statt –, wurden Ort und Schlossanlage nur geringfügig beschädigt. Lediglich ein Artilleriegeschoß hatte eine Außenwand beschädigt und zum Einsturz einer Raumdecke geführt. Die Innenausstattung dagegen wurde weitestgehend von der sowjetischen Armee sichergestellt und entfernt. Auf dem Vorplatz des Schlosses legte die Rote Armee einen Soldatenfriedhof für ihre Gefallenen an, den sie mit einem Obelisken mit rotem Stern verzierte. Dieser Obelisk wurde bereits 1988 entfernt.

1949 erfährt der Ort seine zweite Umbenennung und trägt fortan für einige Jahrzehnte den Namen Marxwalde. Marxwalde wird zum Musterdorf der Deutschen Bauakademie ausgebaut und dient ab 1957 als Garnison der Nationalen Volksarmee der DDR, als deren Mitglied der erste Deutsche im All, Jagdflieger Sigmund Jähn, von 1960 bis 1978 zu den Dorfbewohnern zählte. Hier ist unter anderem die Regierungsfliegerstaffel der DDR stationiert, die dem Staatsratsvorsitzenden Honecker und anderen Mitgliedern der politischen Führungsspitze zur Verfügung stand. Zugleich war der Flugplatz Marxwalde als Ausweichziel für entführte Passagierflugzeuge vorgesehen. Am 7. April 1965 starteten und landeten in Marxwalde Teile des Jagdgeschwaders JG-8, um die geplante Bundestagssitzung in der Berliner Kongreßhalle durch Fluglärm und »Überschall-Knall« zu verhindern.

Zweimal wurde Marxwalde auch zur Kulisse für das Filmschaffen der DEFA: die Filme »Eine alte Liebe« und »Heimliche Ehe« wurden hier gedreht. 1988 werden in Marxwalde die 22. und letzten Arbeiterfestspiele der DDR abgehalten.

Noch 1945 nimmt im Schloss die Dorfschule ihren zunächst von Materialnot geprägten Betrieb auf. Als Kreideersatz wurden anfangs Trümmer von Gipsabgüssen aus dem Alten Museum in Berlin genutzt; Dachschiefer des beschädigten Schlosses hielten als Tafel her. Bis in die 70er Jahre wird das Schloss als Zentralschule genutzt, später auch als Jugendklub und als Trainingsstätte für Gewichtheber. Vor dem Schloss entstehen mehrere Wohngebäude in Plattenbauweise, die im Winter 1997/98 abgerissen wurden. Nach mehreren ambitionierten Restaurierungsversuchen, die in den 70er Jahren einsetzten, diente das Schloss zuletzt als Bildungs- und Arbeitsstätte der Kulturakademie des Bezirks Frankfurt/Oder.

Noch vor der Wiedervereinigung beschließt der Gemeinderat bereits im Juli 1990 die Rückbenennung in Neuhardenberg, diesmal ohne Bindestrich. Bei der Abstimmung standen 9 Ja-Stimmen 4 Nein-Stimmen – bei einer Enthaltung – einander gegenüber. Am 22. Oktober 1991 wird dem letzten Willen Carl Hans Graf von Hardenbergs entsprochen: seine Urne und die seiner Frau werden an der Kirche in Neuhardenberg beigesetzt.
Auf der Grundlage des Einigungsvertrages erhält die Familie von Hardenberg 1996 ihren Besitz zurück. Die Familie verkauft die Liegenschaften an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Schloss, Park und Nebengebäude wurden seitdem behutsam saniert und um Hotel-, Gastronomie- und Veranstaltungsbereiche erweitert. Die Verantwortung für das kulturelle Programm, das Tagungsgeschehen und den Hotelbetrieb wurde der Stiftung Schloss Neuhardenberg GmbH übertragen, deren alleiniger Gesellschafter der DSGV ist. Nach einer Voreröffnung im September 2001 wird Schloss Neuhardenberg ab 8. Mai 2002 als Ort für Tagungen, Symposien, Debatten, Theater, Musik, Ausstellungen und Lesungen genutzt.

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